die sechste Woche

Zuckerzeug

Für alle, die es noch nicht wissen: Ich bin zuckersüchtig. Ich brauche meinen Zucker egal ob in flüssiger Form wie Softdrinks oder in fester Form. Meist stammen diese Produkte dann aus dem Hause Haribo, Trolli, Milka, Ritter Sport und Ferrero.

So sehr ich auch das japanische Essen liebgewonnen habe, japanische Süßigkeiten sind ein Graus. Ich wurde so erzogen, dass man auch isst, was man gekauft oder hat. Einem Prinzip, dem ich bis heute grundsätzlich folge. Aber was, wenn das, was man gekauft hat einfach absolut ungenießbar ist? :-S In den seltensten Fällen schmeiße ich Lebensmittel weg. Eher noch suche ich jemanden, an den ich sie verschenken kann. Allerdings fallen hier in Japan meine Gastgeber weg, da sich selbst diese nicht mit dem Geschmack, wenn man das überhaupt so nennen kann, anfreunden können…

Kinder, Kinder

Wer Kinder hat braucht keine Fitness.

Wer Kinder hat braucht keine Fitness.

Also gut, es ist mittlerweile meine dritte Arbeitswoche als Englischlehrer in der  Nachmittags-betreuung und ich möchte niemanden länger auf die Folter spannen und nicht weiter Infos über meinen Job vorenthalten. Ich unterrichte fünf – bis achtjährige Kinder. Ich hatte zwar schon mal erwachsene und Jugendliche unterrichtet aber noch nie Kleinkinder und habe mich immer gefragt, wie es sein würde. Auch habe ich nie Gruppen unterrichtet sondern meist nur Einzelunterricht gegeben. Es ist wundervoll, macht wahnsinnig viel Spaß und endlich, endlich habe ich mal einen Arbeitsplatz mit Menschen gefunden, die sich auf meinem geistigen Niveau befinden. Ich frage mich nur, weshalb ich so einen Job schon nicht viel früher ergriffen habe. In Deutschland ist es schließlich schwieriger solch einen Job zu bekommen. Dort muss man eine Ausbildung als Kinderpfleger nachweisen können. Und um in einer staatlichen Institution unterrichten zu dürfen muss man in Deutschland schließlich mindestens studiert haben. Der Aufwand wäre mir dann doch zu groß. Also genieße ich den Job hier umso mehr.

Süßes für die Süßen

Süßes für die Süßen

Da fällt mir ein, ich habe doch noch diese schrecklichen Süßigkeiten… Hm… ich halte ja nicht viel von folgender Erziehungsmethode, doch sollten einige Kinder wirklich nicht ruhig zu stellen sein, hätte ich mit den Süßigkeiten wenigstens etwas um sie zu bestrafen.

das sind die Kirari Kids

das sind die Kirari Kids

L & R ... Oh Mann, das wird noch viel Arbeit...

L & R ... Oh Mann, das wird noch viel Arbeit...

 

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , , , , | 8 Comments

die fünfte Woche

Unhandlich

Kaum geht ein Monat ins Land, habe ich es auch schon geschafft, meinen Ausweis zu bekommen, der Voraussetzung für die Eröffnung eines Bankkontos ist, welches ich nun ebenfalls habe, das wiederum Voraussetzung für ein Japanisches Handy ist. Manchmal wundere ich mich schon, wie ich es ganz ohne Handy geschafft habe zu Vorstellungsgesprächen eingeladen zu werden und auf diese Art und weise auch noch einen Job bekommen habe. Egal, heute werde ich mir ein Handy kaufen. Allerdings funktionieren die meisten japanischen Handys nur hier in Japan. In Europa oder Amerika kann man es getrost entsorgen, da das japanische Handynetz nicht mit dem europäischen oder amerikanischen kompatibel ist. Es sei denn, man kauft sich ein brandneues Smartphone. Z. B. aus der Desire Serie von HTC, eines der Iphone-Serie von Apple oder die Galaxy Reihe von SAMSUNG. Da ich keine Lust habe 7000 Yen für ein Handy rauszuschmeißen, das ich nach einem Jahr für mich nutzlos ist, gehe ich nach Akihabara um mir ein Smartphone zu besorgen, welches ich auch im Rest der Welt nutzen kann. Gesagt, getan.

Fehlt nur noch der Handyvertrag. Allerdings schient es hier ein Problem zu geben. In Japan gibt es fünf Mobiltelekommunikationsanbieter (Virtuelle Netzwerke nicht gezählt). Ein kurzer Überblick:

Marktführer NTT Docomo mit 58 Mio. Nutzern. Vergleichbar mit der Deutschen Telekom mit 39,1 Mio. Nutzern in Deutschland. Käme A1 für Österreich und der Swisscom gleich.

au mit 33 Mio Nutzern vergleichbar mit Vodafone in Deutschland mit 34,6 Mio. Kunden. Käme T-Mobile in Österreich und Sunrise in der Schweiz gleich.

Softbank Mobile mit 25,6 Mio. Nutzern vergleichbar mit E-Plus in Deutschland mit 20 Mio Nutzern. Orange in Österreich und der Schweiz.

Willcom mit 3,8 Mio. Kunden vergleichbar mit O2 in Deutschland (16,6 Mio. Nutzer) bzw. 3 für Österreich oder Tele 2 in der Schweiz.

Und EMOBILE.

Doch das System hat ein Problem: Will man in Japan eine SIM-Karte kaufen – also einen Mobilfunkvertrag abschließen – muss man mit dem Vertrag automatisch den Kauf eines Handys des Mobilfunkanbieters akzeptieren. Die Tatsache, dass man vorher ein Simlockfreies Handy erworben hat interessiert hier wenig. Wenn man ganz genau weiß, welches Handy man will und welchen Mobilfunkanbieter, ist das hier in Japan nicht unbedingt hilfreich. Denn die japanischen Mobilfunkanbieter schließen Exklusivverträge mit den Handyherstellern. So hat z. B. Softbank Mobile die Exklusivvertriebsrechte für das Apple I phone. NTT docomo hat sie für das SAMSUNG Galaxy … Will man jetzt z.B. das SAMSUNG Galaxy im Softbank Mobile-Netz nutzen, bleibt einem nichts anderes als das billigste Handy, das Softbank beim Vertragsabschluss anbietet zu kaufen, das Galaxy irgendwo anders zu erwerben und die SIM-Karte damit zu nutzen. Egal, wie man es dreht und wendet, man zahlt mindestens 70000 Yen für ein zweites Handy. Zwar kann ich das zweite Handy verkaufen, allerdings nur an jemanden, von dem ich weiß, dass sie oder er Softbank nutzen will.

Mich stören zwei Dinge an diesem Procedere. Die Bevormundung des Kunden, dass ihm vom Netzbetreiber aufoktroyiert wird, welche „Handyauswahl“ er bekommt und die Ressourcenverschwendung. Warum werde ich gezwungen ein Handy zu kaufen, und damit die Umwelt unnötig zu belasten, wenn ich bereits eins habe?

Es gibt eben Dinge in diesem Land, für die ich wohl noch viel Toleranz und Verständnis aufbringen muss…

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , , , , , | Leave a comment

Die vierte Woche

Das Land, das Verrückte macht

Es gibt Tage, die entspannt beginnen, begleitet von wunderschönem Sonnenschein. Doch der Schein trügt. Ich habe in den letzten Wochen versucht mit dem Formular – von dem mir gesagt wurde, dass es bis bis zur Ausweisausstellung als vollwertiger Ersatz gelte – ein Bankkonto zu eröffnen. Wie erwartet wurde das vollwertige Formular von keiner Bank für voll genommen. Auch habe ich bereits mehrere Male vergebens versucht einen japanischen Handyanschluss zu bekommen. Grund für die ständige Ablehnungen ist, dass ich kein Bankkonto habe, was hier selbst für Prepaidverträge vorausgesetzt wird. Also fahre ich in die Stadt um bei einer ganz bestimmten Bank, die mir empfohlen wurde, ein Konto zu eröffnen.

Wieder mal nach einer langen Suchodysse – ja, es liegt an mir und meiner Unfähigkeit japanische Kanjizeichen zu lesen – finde ich endlich eine Filiale der Bank.

Als ich am Schalter an der Reihe bin und meine Absichten erkläre, anschließend das Kontoeröffnungsformular bekomme, werde ich in gebrochenem Englisch gebeten: “Bitte schreiben Sie noch Ihre Telefonnummer hier hin.” Ich erkläre dem Bankangestellten, dass mir bisher immer gesagt wurde, dass ich ein Bankkonto eröffnen müsse, damit ich eine SIM-Karte kaufen könne. “Das tut mir sehr leid, aber unsere Bank setzt es nun mal voraus, dass Sie eine Telefonnummer in Japan haben um hier ein Konto eröffnen zu können.”, wird mir mit sehr sanfter, japanischer Höflichkeit erklärt. “Ich habe schon mal darauf hingewiesen, dass ich keine SIM-Karte kaufen kann, solange ich beim Handyvertragsabschluss kein Bankkonto nachweisen kann”, erwidere ich.

„Haben Sie denn wenigstens einen Festnetzanschluss?“, werde ich gefragt. Ich frage mich, wie man das ohne japanisches Bankkonto bekommen soll. „Nein, habe ich nicht.“, antworte ich. Ich schreibe die Nr. meiner Gastgeber, auf dessen Adresse mein Visum registriert ist, auf einen Zettel: “Nehmen Sie diese Festnetznummer hier und fragen Sie nach meinem Namen.”. “Wo kommt diese Nummer denn jetzt her? Das ist doch nicht Ihre!”, wundert sich der Bankangestellte. “Doch, dort rufen Sie an, wenn Sie mich überhaupt anrufen müssen, und fragen nach meinem Namen.”

Ich wohne da zwar schon lange nicht mehr, aber frage ich mich wirklich, was diese ganze Bürokratie soll.

“Tut mir leid, das kann ich so nicht akzeptieren,“ sagt mir der Bankangestellte und deutet durchs Fenster auf einen kleines Geschäft am Ende der Straße, „bitte gehen Sie dort hin, dort bekommen sie einen Handyvertrag!” “Nein, ich werde jetzt nicht da runter gehen, weil ich ganz genau weiß, dass ich dort keinen Vertrag bekommen werde solange ich kein japanisches Bankkonto habe!!! Ich werde schön hier bleiben, bis Sie diese Nummer hier in dieses Feld eingetragen haben!”, stelle ich mit einer sehr deutlichen und unmissverständlichen Art klar.

Es scheint, als ob der Bankangestellte diese Art überhaupt nicht gewohnt und jetzt leicht verwirrt ist. Es mag ja sein, dass ich mich momentan nicht integrativ verhalte. Ich bin allerdings auch nicht diese Passierschein-A38-Art gewohnt.

Und ich denke, dass ich mit mehr als drei Wochen Wartezeit integer genug verhalten habe um letztendlich an das Formular gekommen zu sein, das ich hier benötige. Und das sollte einzig und allein die Alien registration Card sein. Leicht verstört entfernt sich der Bankangestellte vom Schalter, berät sich mit einer Mitarbeiterin, kommt zurück und trägt die Nummer ein. Dankeschön! Auf einen Sessel deutend werde ich von ihm gebeten: “Wir müssen nun Ihre Karte kopieren und einige Formulare ausfüllen, wenn Sie bitte dort platz nehmen würden.” Nachdem ich den Herren mit meiner Art scheinbar zutiefst beleidigt habe, wird die Kontoeröffnung nun von einer Dame weitergeführt: “Entschuldigen Sie bitte, unsere Bank braucht auch ihren Namen in Hiragana- oder Kataganazeichen.” Ich kann ihn zwar schreiben, aber nachdem hier in dem Formular eindeutig auf Englisch steht: if known, also, falls bekannt, berufe ich mich einfach auf dieses Angebot. „Nein, sie müssen leider Ihren Namen dort in japanischen Zeichen eintragen“, wird mir gesagt. Ich weiß zwar sehr genau, wie mein Name in Hiragana oder Katagana Zeichen geschrieben wird, doch reizt mich jetzt die Neugierde, was sie machen würden, wenn ich es nicht wüsste. „Tut mir leid, ich habe leider keine Ahnung.“, sage ich. „Dann muss ich Sie bitten, nochmals wieder zu kommen, wenn sie herausgefunden haben, wie man ihren Namen mit japanischen Schriftzeichen schreibt.“, sagt sie.

Ich bin fassungslos. Sie wollen mich jetzt also tatsächlich nach Hause schicken. Und das, vor dem Hintergrund, dass diese Schreibübung etwas ist, das wirklich jede Japanerin und jeder Japaner bewerkstelligen kann, der kein Analphabet, weder geistig behindert noch körperlich eingeschränkt ist. Ich kann mir nicht vorstellen, dass eine Analphabetin in einer Bank arbeitet. Und geistig oder körperlich eingeschränkt wirkt sie auf mich auch nicht. Ist natürlich blöd, dass ich mich blöd gestellt habe, da es jetzt natürlich etwas blöd wäre plötzlich wie ein Blöder schreiben zu können. Also „helfe“ ich, indem ich die die passenden Silben nenne in denen man meinen Namen schreibt. Und tatsächlich, mit vereinten Kräften bewerkstelligen wir diese Aufgabe.

Gegen so einen stressiges Erlebnis hilft ein Barbesuch. Trifft sich gut, denn mein Gastgeber Brandon hat heute noch zwei kanadischen Couchsurfern angeboten, sie eine Woche zu hosten und wir nehmen sie vom Bahnhof erst mal in eine Bar mit.

wieder glücklich. Foto von Joki Zatko, Kanada

wieder glücklich. Foto von Joki Zatko, Kanada

Für alle, die nun so richtig Lust bekommen haben, auch in Japan work and travel zu machen, hier die besten Jobbörsen:

 

https://jobs.gaijinpot.com/

http://japanese.about.com/od/jobsinjapan/Jobs_in_Japan.htm

http://www.tokyoconnections.com/Teaching_English/Job_Listings/

http://www.job-japan.jp/

http://www.ohayosensei.com/

http://metropolis.co.jp/atomjobs/#/jobs?&global_language=en

http://www.daijob.com/en/

Deutlich zu sehen: Alle Englischsprachschulen suchen quasi ausschließlich Muttersprachler. Man muss nicht extrem intelligent sein um zu erkennen, dass so viele Stellen nicht alle von Muttersprachlern besetzt werden können. Ist man kein Muttersprachler: Trotzdem bewerben!

Besonderen Dank an: Hubertus Neidhart vom Deutschen Webspace Provider Network für den guten Service, Joki Zatko, Lilith Pendzich, Ann-Jessica Diehl und all meine Gastgeber.

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , | Leave a comment

die dritte Woche

Hier kommt die Maus!

Die Maus Maskottchen der Dokkyo Universität

Die Maus Maskottchen der Dokkyo Universität

Freitag. Meine Gastgeberin Celine hat kein Internet zu Hause weshalb sie mich in ihre Uni, die Dokkyo Universität, mitschleppt. Dort gibt sie mir Ihr Wireless Passwort und macht sich dann zu ihren Vorlesungen. Ich finde es toll. Somit lerne ich sogar das japanische Studentenleben kennen. Auch wenn ich erst mal keine wesentlichen Unterschiede zu einer europäischen Universität ausmachen kann. Wie man es von einer Uni erwartet gibt es viele Lehrsäle, eine große Bücherei und natürlich die Mensa. Das Essen dort ist gut. Was mir aber Freude bereitet, ist, dass die Dokkyo Universität die Maus als Maskottchen hat. Welche Maus? Die von der Sendung mit der Maus!

 

 

Ein Mausfan

Ein Mausfan

Drei Mäuse!

Drei Mäuse!

Presented in Surround

Und wieder wird umgezogen. Dieses mal zu Bryan, einem Amerikaner, der übrigens einige Jahre zuvor in Deutschland gelebt hat und – wie könnte es anders sein – Englischlehrer ist. Da es mal wieder Wochenende ist, geht es abermals auf Reisen zu Freunden in die Berge.

Berge nahe Tokyo

Berge nahe Tokyo

Zusammen mit Bryans Freunden lerne ich bei einem Restaurantbesuch nicht nur bestes japanisches Essen, sondern im Anschluss bei einem Ehepaar, mit dem Bryan befreundet ist, auch besten japanischen Alkohol kennen. Das Paar ist aber auch mit westlichen Alkoholika sehr gut ausgestattet und so steuere ich ein paar Cocktails bei. Ich habe schließlich mal in einer Disko gearbeitet…

Cozy Cocktails

Cozy Cocktails

Plötzlich zerstört eine Art Handy SMS-Ton die entspannte Atmosphäre. Ich frage mich, ob ich schon so viel getrunken habe oder ob das ein verdammt gutes Surround Sound Handy ist. Ich könnte schwören, dass ich den Ton von mindestens drei Orten im Raum höre. „Oh Mann, muss dass unsere schöne Unterhaltung unterbrechen!?“ ärgern sich zwei von Brandons Freunden und hohlen gleichzeitig Ihre Handys aus der Tasche.

„Was ist denn?“, frage ich in die Runde.

„Das ist das Erdbebenfrühwarnsystem“

Es herrschen zehn Sekunden Stille:

„Here it comes!“, sagt Denise.

Und der Raum erzittert für ungefähr fünf Sekunden.

Niemals isoliert!

Es ist Montag Abend und ich warte an der Metrostation Kitaurawa um von meinem neuen Gastgeber Andy abgeholt zu werden. Es scheint so, als ob Couchsurfing noch nicht so ganz bei der Japanischen Bevölkerung angekommen ist, da ich mehrheitlich von hier lebenden Ausländern beherbergt werde. So auch dieses Mal. Andy empfängt mich mit einem wunderbaren, britischen Akzent. Auf dem Weg zu seinem Haus reden wir über Gastfreundschaft und darüber, wie er in Japan gestrandet ist. Andy, 45, Fachjournalist für japanische Metallindustrie, kommt aus Portugal, ist aber zweisprachig aufgewachsen. Er schreibt für eine britische Fachzeitschrift.

Posterwant der 16-jährigen Tochter

Posterwand der 16-jährigen Tochter

Es ist ein schönes, dreistöckiges Haus. Mindestens zweimal so groß wie das in Shibuya, in dem ich vor zwei Wochen untergebracht war. Andy ist verheiratet und hat eine 16-jährige Tochter. Auch wenn die Woche gerade erst begonnen hat und keine Ferien sind, sind Frau und Kind nicht zu gegen: „Meine Frau lebt zusammen mit unserer Tocher auf der anderen Seite Tokyos. Unsere Tochter geht dort auf eine sehr gute Highschool. Es wäre schlicht und ergreifend zu viel Zeit, die fürs Pendeln verloren ginge, weshalb wir uns dazu entschieden haben, dort eine Wohnung für beide zu mieten. Es ist nicht üblich, dass man mit 16 in Japan alleine lebt. Es ist hier tatsächlich normal noch bei seinen Eltern zu leben, wenn man auf die Uni geht. Ungewohnt hm? Keine Rebellion.“

„Rebellion?“, frage ich.

„Nun ich meine, dass viele Dinge hier so vorherbestimmt sind. Wenig Gelegenheit, ein wirklich eigenes Leben zu leben. Ich glaube, das ist es, was Japan ein wenig fehlt. Viele Dinge sind einfach zu organisiert. Was dazu führt, dass nur einige, zu wenige, eine wirklich eigene Meinung haben oder wirklich individuell sind. Oder sagen wir es so, sie haben natürlich eine eigene Meinung, äußern sie aber selten und tun noch weniger dafür an bestimmten Missständen wirklich was zu ändern.“

„Hm, das könnte ein Grund dafür sein, dass es hier fast nie Demonstrationen auf den Straßen gibt. Und wenn sie stattfinden sind sie nicht wirklich groß.“, denke ich mir.

Andy bereitet ein marokkanisches Gericht zum Abendessen zu: „Ich kam schon vor Jahren nach Japan wo ich meine Frau fand und heiratete. Sie ist eine gut ausgebildete Biologin und hatte eine ebenso gut bezahlte Stelle in einem Unternehmen, das in der Krebsforschung tätig ist. Nach einigen Jahren hier beschlossen wir nach Portugal zu ziehen, da ich dort einen Job hatte, was bedeutete, dass sie ihren Job hier in Japan aufgeben musste. Auch wenn es für sie in Portugal schwer war, fand sie dort relativ leicht eine neue Stelle. Aber nach einigen Jahren fanden wir heraus, dass wir dort einfach nicht hingehörten und kamen nach Japan zurück.“

„Darf ich fragen, was Deine Frau heute macht?“

„Natürlich, sie ist Hausfrau. Als wir von Portugal zurückkamen, bewarb sie sich abermals in der Forschung, aber bekam keine Stelle mehr. Nur noch Angebote für geringere Positionen wie Assistenzjobs oder Sekretärin.“

„War der Bereich, in dem sie gearbeitet hatte, nicht länger lukrativ oder was war der Grund dafür?“

Seine Antwort kommt augenblicklich und und beinahe schon mit etwas Ärger: „Ihr ‘Fehler’ war, dass sie Ihren Job aufgegeben hatte um Japan zu verlassen! Die Japaner betrachten dies als nicht verlässlich. Also wollte sie deswegen niemand einstellen als sie zurückkam. Es hat offensichtlich keine Bedeutung wie talentiert man ist! Dieses Land hat ein Meer an vergeudetem Talent. Weißt Du, das ist eines der wenigen Dinge, die mich an diesem Land wütend machen. Nach einigen Jahren ertrug sie diese Assistenzjobs nicht mehr also wurde sie Hausfrau.“

Ich bin sprachlos. Trotz der Tatsache, dass Andy der einzige Ernährer der Familie im Haus ist, nimmt er sich dennoch Zeit mich zu beherbergen, für mich zu kochen und mich am nächsten Tag herumzuführen.

So sehr ich sein Haus auch mag gibt es etwas daran – nicht nur an seinem, sondern an japanischen Häusern im Allgemeinen – das mich verrückt macht. Die fehlende Isolierung. Egal wie viele Vorhänge man zuzieht, egal wie viele Fenster, Fensterläden, und Türen man schließt, hört man trotzdem immer den Verkehrslärm. Natürlich hat dies auch eine enorme Energieverschwendung zur Folge. Die Wände haben eine Maximalstärke von 15 cm. Es gibt keine Glaswoll- oder Styroporisolation in den Wänden, die die Hitze von draußen daran hindern würde in die klimatisierten Räume zu gelangen. Und natürlich ist es im Winter genau umgekehrt. Japaner verschwenden lieber drei oder vier mal so viel Energie als sie eigentlich müssten, da es einfach überhaupt nicht üblich ist die Häuser hier zu isolieren. Auch sind die Fenstergläser nicht doppelt. Weder in den klimatisierten Zügen noch in den Wohnhäusern. Mein letzter Gastgeber Ryan sagte mir, dass er sein Haus mit einer beweglichen Kerosinheizung warmhalten würde. All das in einem der reichsten Länder der Welt? Wie passt das zusammen?

 

Um Strom durch heruntergefahrene Klimaanlagen zu sparen stellte die Regierung kürzlich das „Super cool business“ vor, ein Berufsleben, das ohne Anzüge auskommen soll. Nicht erst seit 3/11 – aber erst recht seitdem – leidet Japans Wirtschaft. Wie in den meisten Wirtschaftskrisen der Neuzeit geben die Leute nicht mehr Geld als nötig aus, was wiederum zu einem ökonomischen Teufelskreis führt. Um dem entgegen zu wirken subventionierte die japanische Regierung Anschaffungen von Haushaltsgeräten. Andys Familie machte davon Gebrauch. Der Kühlschrank ist von einer japanischen Firma, aber in China produziert. Also half es der hiesigen Wirtschaft nicht besonders. Anstelle dieser Aktionen täte Japan gut daran ihre Bauindustrie zu fördern – eine Branche, die praktisch nicht exportieren kann. Somit könnte Japan zwei Fliegen mit einer Klappe schlagen. Sie würden enorme Mengen an Energie sparen, sodass sie nicht so viele Atomkraftwerke brauchen würden. Und es wäre – zumindest zeitweise – ein großer Aufschwung für Japans Wirtschaft.

Grabstein

Grabstein

Am nächsten Tag führt mich Andy durch Omiya. Da er einen gut ausgestatteten Familienhaushalt hat, leiht er mir ein Fahrrad und wir beide radeln zum Tempel von Omiya. Wir befinden uns auf dem Weg dorthin, als mich Andy anhält um mir einen buddhistischen Friedhof zu zeigen. Schön, bisher hatte ich nicht die Gelegenheit einen zu betreten und die Gräber aus der Nähe zu sehen.

Auf dem Friedhof

Auf dem Friedhof

Wieder auf unserem Weg zum Tempel nur wenige Minuten später unterbricht er schon wieder unseren Ausflug, um mir den neu erbauten Omiya Metrobahnhof und das Zentrum mit dem neu erbauten Stadion zu zeigen. Yoko Ono’s John Lenon Museum befand sich in diesem Stadion. Nun, dies ist Japans Versuch schöner, moderner Architektur. All diese Gebäude hier sind relativ neu.

Omiya Metrobahnhof

Omiya Metrobahnhof

Stadion in Omiya

Stadion in Omiya

Da Japan während des zweiten Weltkriegs ein Meer von Bombenangriffen erlitt ist dieser Tempel leider nicht so alt, wie ich es mir erhofft hatte. Aber er ist dennoch schön angelegt. Zusätzlich war ich noch nie an einem Ort, an dem ich so viele Schildkröten in einem Teich gesehen habe.

Tempel in Omiya
Tempel in Omiya
Ich brauch 'n paar Kröten

Ich brauch 'n paar Kröten

Tempel in Omiya

Tempel in Omiya

Selbst den Rückweg schaffen wir nicht ohne Unterbrechung. Aber ich bin dankbar dafür, denn Andy ist der erste Gastgeber, der mir zeigt, dass es tatsächlich günstige Gemüsehändler gibt.

Eines morgens klingelt es. Ein Blaumann mit Bauhelm überreicht Andy ein kleines, in Plastik gepacktes Handtuch als Geschenk zur Entschädigung für eventuelle Unannehmlichkeiten durch die gerade beginnenden Streicharbeiten am Nachbarhaus.

Hm. Vielleicht sollte ich das in Deutschland mal ausprobieren, bevor ich eine Party mache, die ggf. lauter werden könnte und somit auch für eventuelle Unannehmlichkeiten sorgen könnte. Wenn einige betrunkene Gäste zu laut grölen, hätten die Nachbarn dann sogar etwas, dass sie sich in die Ohren stopfen könnten, so klein wie das Handtuch ist. Hm… aber andererseits passt so ein kleines Handtuch auch gut in den Mund eines grölenden Betrunkenen. Hm… Man muss ja nicht immer gleich alle neuen Ideen verwerfen aber bezüglich dieser Idee ist es vielleicht dennoch besser das Handtuch zu werfen.

Gegen Mittwoch Abend ziehe ich wieder um. Auf dem Weg zu meinen nächsten Gastgebern werde ich mit einem neuen Problem konfrontiert. Alles, was ich dazu sagen kann, ist, dass man nicht in der Hauptverkehrszeit mit zwei voll bepackten Rucksäcken versuchen sollte, Metro zu fahren…

Wieder ein amerikanisch-japanisches Paar. Dylan, 30, hat erst vor kurzem seine 29-jährige Frau geheiratet. Beide bereiten sich darauf vor, Japan zu verlassen, um in den U.S.A. Fuß zu fassen.

Ach ja…

Oh, habe ich das vergessen, zu erwähnen? Dieser Donnerstag ist mein erster Arbeitstag als Englischlehrer in der Nachmittagsbetreuung. Ja, ich habe den Job angenommen. Was aber nicht heißt, dass die Stellensuche hiermit beendet ist, da es sich leider nur eine Halbtagsstelle handelt und ich mindestens noch zwei weitere Stellen brauche, um meinen Aufenthalt hier finanzieren zu können. Und da der erste Arbeitstag nicht gerade repräsentativ ist, warte ich noch ein wenig bis ich darüber berichte. Also bitte ich um etwas Geduld…

Besonderen Dank an: Hubertus Neidhart vom Deutschen Webspace Provider Network für den guten Service, Lilith Pendzich, Ann-Jessica Diehl und all meine Gastgeber.

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , , , , , , , | Leave a comment

die zweite Woche

Oho, I’m an alien. I’m a legal Alien a German Man in Japan

Ich habe ehrlich gesagt keine Möglichkeit gefunden, an die Alien Registration Card zu kommen, ohne eine permanente Adresse in Japan zu haben. Allerdings waren Jim und Heath so freundlich und ließen mich Ihre Adresse zum Registrieren verwenden. Es ist schon wieder so eine Situation, in der ich mir denke, wie ich das alles der CS Community zurückgeben soll. Denn Jim und Heath haben das von sich aus angeboten. Ich habe nicht ein mal fragen müssen.

It’s Friday, Friday, fun, fun, party, party…

Den Bahnhof meines neuen Gastgebers zu finden ist mal wieder eine Herausforderung. Nach erneutem Hin- und Hergeirre scheint dieses mal mein verzweifelter Blick die Aufmerksamkeit eines leicht angetrunkenen Inhabers einer Recycling Firma – der gerade von seiner Betriebsfeier kommt – geweckt zu haben, und der mir abermals nicht nur den Weg erklärt, sondern mich natürlich auch gleich wieder zum richtigen Bahnhof begleitet. Wobei dazwischen allerdings zwei falsche liegen. Dafür kann er aber nichts. Der Alkohol ist schuld!

I need a Hiro!!!

Hiro ist mein neuer Gastbeber. Er arbeitet bei Japans größter Telefongesellschaft. Ich hatte ihn darum gebeten zwei Tage in seiner Wohnung übernachten zu dürfen. Es wird aber nur eine daraus werden. Warum? Ursprünglich wollte er mit einem seiner Freunde eine Nacht in einem Onsen (Termalquellen) Hotel verbringen. Da dieser Freund abgesagt hat, muss ein anderes „Opfer“ gefunden werden. Und dieses Opfer bin ich. „Es ist schon okay, Simon, ich lade Dich ein. Du musst natürlich nicht für das Hotel zahlen!“ schreibt er mir. Langsam wird mir Japan unheimlich. Wenn das so weitergeht werde ich vielleicht bald noch zum Yakuza Boss (Japanische Mafia) befördert.

Wie ein Mafiaboss werde ich tatsächlich von Hiro empfangen. In seiner Lexuslimousine mit eingebautem Fernseher werde ich zu einem Restaurant chauffiert und natürlich gibt es für mich keine Möglichkeit die Rechnung selbst zu bezahlen. Das Konzept des Restaurants gefällt mir. Hier ist in jedem Tisch ein Gasgrill eingelassen. Das mundgerecht geschnittene Fleisch nimmt man sich vom Buffet.

Aber all das ist natürlich nicht genug für den Yakuza Boss und so werde ich noch ins öffentliche Bad eingeladen. Das Baden ist fester Bestandteil der japanischen Kultur. Ich finde, dass man es mit der römischen Badekultur vergleichen könnte. Gebadet wird in Japan nackt und grundsätzlich geschlechtergetrennt. Oftmals Mütter mit ihren Töchtern und Väter mit ihren Söhnen. Auch wenn ich meine Familie nicht dabei habe, lässt man mich trotzdem rein :)

Hey, was macht denn das Mädchen hier in unserer Abteilung? Und zusätzlich ist sie auch noch angezogen! Sie arbeitet hier. Das ist nicht fair! Moment mal. Das bringt mich auf eine Idee. Vielleicht bieten die Bäder ja auch Jobs für Männer in der Frauenabteilung an. Hmm…

Egal, wohin man hier blickt, sieht man praktisch überall des Mannes bestes Stück. Viele von uns dürften neulich über die Penismap, die vor kurzem im Internet grassierte, gestolpert sein. Ich habe mich immer gefragt, wie diejenigen, die diese Karte erstellt haben bitte das Maß genommen haben sollen. Und haben sie das jeweils wirklich bei über 1.000 Landsleuten gemessen um zu einem repräsentativen Ergebnis zu kommen? Wie schnitt den Japan noch mal ab?

Oh… verstehe. Hm, also ja… Ich habe zwar nicht persönlich Maß genommen und auch wirklich kein Interesse daran, das hier zu machen, aber nach Augenmaß kann ich das Ergebnis für Japan zumindest für dieses Bad hier bestätigen. Naja, … *grins*  Also ich möchte ja wirklich nicht angeben aber… he he… Okay. Ich höre vielleicht doch lieber auf. Denn nach all dem was mir hier Schönes widerfahren ist, steht es mir einfach nicht zu, es auf die Spitze zu treiben.

Apropos treiben. Wie heißt es da doch so schön: Auf die Größe kommt es nicht an, sondern auf die Technik. Und hier sind uns die Japaner in so vielerlei Hinsicht deutlich voraus. Wie hätten sie es sonst zu einem der modernsten Industrieländer der Welt bringen sollen? Na also! Und selbst hier im Bad können die Japaner nicht auf Technik verzichten. Beispielsweise gibt es ein Bad, in dem man sich zwischen zwei Elektrodioden setzt. Ich frage mich, ob ich das entspannend finden soll oder ob das eher was für Masochisten ist…

Manchmal muss es nicht mal komplexeste Technik sein. Es fängt schon bei so kleinen Dingen an wie zum Beispiel sich ordentlich in eine Menschenschlange einzugliedern.

Metromenschenschlange

Metromenschenschlange

Das funktioniert an jedem Bahnsteig, bei jeder Rolltreppe – überall! Pubertäres Gedrängel, wie man es von unseren westlichen Ländern her kennt, sucht man hier vergebens. Und selbst in den U-Bahnen müssen die Japaner nicht wie viele dumme Deutsche beweisen, dass sie am lautesten in Ihr Handy brüllen können. Das Telefonieren in den U-Bahnen ist nämlich verboten. Hammer!

 

Samstag.

Auf dem Weg nach Kinugawa

Auf dem Weg nach Kinugawa

Hiro und ich haben den Wagen gepackt. Es geht nach Kinugawa zum Onsen Hotel. Es liegt ungefähr 100 km nördlich von Tokyo. Fukushima ist von dort aus nur noch 165 km entfernt.

 

 

Während einer kurzen Pause zeigt mir Hiro einen 100 Yen shop, welche in Japan sehr beliebt sind.

100 Yen Shop

100 Yen Shop

Eine Augenweide

Eine Augenweide

Heuhotel

Heuhotel

Unser Hotelzimmer riecht nach Heu. „Das sind die Tatamimatten am Fußboden“, erklärt mir Hiro. Als ich das Hotelzimmer betrete denke ich mir: „Schön und gut, aber die Jungs haben die Betten vergessen.“ Etwas später klärt mich Hiro auf, dass die Betten gemacht werden, während man im Restaurant isst.

Hotel mit Geschichte

Hotel mit Geschichte

Blick aus unserem Zimmer

Blick aus unserem Zimmer

Matratzen

Nicht Tokyo Hotel!

 

Und tatsächlich, vom Essen zurück, liegen zwei matratzenartige Gebilde auf dem Tatamiboden. Und somit verbringe ich die erste Nacht meines Lebens in einem Hotel ohne Bett. Pflicht in jedem Hotelzimmer: Ein Wasserkocher und verschiedene Teesorten. Hiro reicht mir eine Tasse. Also… ich weiß nicht, wie sie es geschafft haben, aber der Tee schmeckt genauso, wie dieses Zimmer riecht, nach Heu.

Cooles Outfit hm?

Cooles Outfit hm?

Bitte nicht falsch verstehen. Ich beschwere mich nicht und möchte nicht arrogant erscheinen. Dieses Wochenende war das beste, das ich bis jetzt in Japan hatte was ich alles Hiro verdanke! Es war einfach der Wahnsinn! Danke Hiro! Für alles!

Sehr schön sind auch die Straßenschilder auf dem Rückweg. Der in Japan allgegenwärtige Waschbär Tanuki. Mai is dea ßiaß!

Tanuki

Tanuki

Regenschirmpflicht

Regenschirmpflicht

Und auch die Regenschirmpflicht auf der Autobahn halte ich für sehr gewagt.

 

 

 

Wie darf ich mir das vorstellen? Etwa so, wie auf dem Foto?

Pan Tau in Japan

Pan Tau in Japan. Foto von Hiroyuki Ochiai

Um nicht gleich wieder im U-Bahnsystem verloren zu gehen, fährt mich Hiro am Sonntag zu meinem nächsten Gastgeber in eine der abgelegensten Regionen Saitamas, Kawagoe. Brandon, ein 23-jähriger Amerikaner, der bereits seit zwei Jahren in Japan lebt und ab November wieder zurückkehren wird und u.a. sehr skurrile Videos von Japan gemacht hat. Bei einem gemeinsamen Abendessen stellt sich auch heraus, dass Hiro nicht nur ein wunderbarer Gastgeber, sondern auch ein passionierter Koch ist.

Brandon arbeitet ebenfalls als Englischlehrer. Er hat aber keine Probleme damit, mich am Montag alleine in seiner Wohnung zu lassen. Ich mache mich aber auch schon bald auf den Weg zu Shibuyas Rathaus um mich als Work and Traveller zu registrieren. Angenehm: Die Sachbearbeiterin spricht fließend Englisch. Und selbst für alle anderen Angelegenheiten gibt es einen Übersetzer. Unangenehm: Das Ausstellen der Alien Registration card dauert zwei Wochen. Ich bekomme zwar ein Formular, das mir bestätigt, dass ich mich hier legal aufhalte und bis zur Ausstellung der Karte als voller Ersatz gelten soll, ich habe aber so meine Zweifel daran…

Nach meiner Rückkehr nimmt sich Brandon die Zeit mich durch Kawagoe zu führen. Er zeigt mir den Tempel und die Altstadt.

Eingang zum Kawagoe Tempel

Eingang zum Kawagoe Tempel

Haus in der Tempelanlage

Haus in der Tempelanlage

Kawagoe Tempel

Kawagoe Tempel

Historisch Haeuser in Kawagoe

Historisch Haeuser in Kawagoe

Haus und der Turm von Kawagoe

Haus und der Turm von Kawagoe

Ich entdecke auch interessante Keramikgeschäfte.

www.haruri.jp

www.haruri.jp www.touho-yamawa.co.jp

Es ist Dienstag und mein erstes Vorstellungsgespräch findet heute statt. Es handelt sich um eine von Tokyos vier großen Sprachschulen. Und – oh Wunder – obwohl ich kein Englischmuttersprachler bin und für die Stelle laut Anzeige nur Englischmuttersprachler erwünscht sind, obwohl sie mit mir am Telefon gesprochen haben und meinen deutschen Akzent gehört haben, laden sie mich trotzdem ein.

Während sich Brandon für seine Arbeit fertig macht fragt er mich: „Simon, willst Du so zum Vorstellungsgespräch gehen?“

Ich trage eine Schwarze hose, ein ordentliches hellblaues Langarmshirt und frage mich was daran schlimm sein soll: „Ja!“

Cop mit deutschem Akzent sucht Job in Tokyo

Cop mit deutschem Akzent sucht Job in Tokyo. Foto von Brandon Lamb

„Hast Du keinen Anzug?“, fragt er mich fast schon entsetzt.

„Brauche ich den denn hier unbedingt? Ich meine, ich bewerbe mich nicht gerade bei einer Bank!“

„Also Vorstellungsgespräche in Japan ohne Anzug sind hier ein absolutes no go!“

„Aaahhh, was soll ich denn jetzt machen?”

„Hier, ich kann Dir meine Anzughose geben. Und noch meine Krawatte. So kannst Du zumindest den dummen Unwissenden spielen.“

Wo ist Dein Schuh?

Ich habe mein zweites Vorstellungsgespräch am heutigen Mittwoch. Allerdings das erste in meinem Leben, für das ich meine Schuhe ausziehe. Das ist nun mal in vielen Häusern in Japan üblich. Nochmal eine Stelle als Englischlehrer. Dieses mal in einem Nachmittagskinderbetreuung. Auch hier hilft mir Brandon wieder mit seiner Anzughose und Krawatte aus. Gegen Abend ziehe ich zu meiner nächsten Gastgeberin um. Celine, eine Deutsche! Sie studiert Italienisch und Japanologie.

Oh Wunder, oh Wunder. Es ist Donnerstag und die Sprachschule lädt mich zu einem zweiten Vorstellungsgespräch ein. Sowas aber auch. Und das, obwohl ich kein Englischmuttersprachler bin, weder einen Bachelor habe, noch ein CELTA Zertifikat. Manchmal frage ich mich, ob sie sich die Masken auf der Ihrer Internetseite wirklich ansehen. Ich stelle überrascht fest, dass die Nachmittagsbetreuung, bei der ich mich ebenfalls beworben habe, gleich besser als zwei der großen  Sprachschulen zahlt…

Und die Moral von der Geschicht: Egal ob Muttersprachler oder nicht, einfach trotzdem bewerben und wenn eine Kinderbetreuung dann auch noch besser zahlt, kann man sich gleich doppelt freuen…

Besonderen Dank an: Hubertus Neidhart vom Deutschen Webspace Provider Network für den guten Service, Brandon Lamb für seine Videos und ein Foto, Hiroyuki Ochiai für ein Foto, Christoph Flossmann für das Melden eines Fehlerteufels und an all meine Gastgeber.

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , , , , , | 4 Comments

die erste Woche

Bewegende Bewegbilder

Da der Flug über den Nordpol geht und die Sonne im späten Mai dort nicht untergeht ist es für mich im wahrsten Sinne des Wortes der längste Tag meines Lebens. Und auch ein sehr beeindruckender. Ein ewiges Eismeer bis zum Horizont! Auch wenn folgendes nicht wirklich viel mit Japan zu tun hat möchte ich noch zwei Filmempfehlungen aussprechen. Filme die ich – wie könnte es anders sein – auf dem Flug gesehen habe. The Kings Speech – eine wirklich gelungene Inszenierung wie König Georg VI, sein Stottern überwindet (ich empfehle die englische Version) Und The way back ein bewegender Film einer Strafgefangenengruppe die während des zweiten Weltkriegs aus einem sibirischen Gefangenenlager flüchtet und sich zu Fuß bis nach Indien durchschlägt.

 

Die Ankunft

Ich komme an einem Donnerstag morgen gegen 9 Uhr in Tokio Narita an. Meine ersten Couchsurfergastgeber habe ich in Chiba, eine Nachbarpräfektur Tokyos. Karte von Tokyo und UmgebungDa mir gleich zwei Japanerinnen, Anna 24 und Eri 22, angeboten haben mich im selben Zeitraum zu beherbergen, habe ich vereinbart mich mit Eri für eine kleine Sehenswürdigkeitentour gleich am Tag meiner Ankunft zu treffen aber bei Anna zu übernachten. Es ist sonnig und es herrschen angenehme 25°C. Da ich aber mit zwei Rucksäcken die zusammen 30 kg wiegen bepackt bin, bin ich – bei Eri angekommen – so erschöpft und verschwitzt dass nur noch eine Dusche hilft. Der Jetlag tut sein übriges. Ich versuche meine Müdigkeit zu verbergen aber darin war ich noch nie gut. Eri bemerkt das natürlich und sagt: „Du kannst hier ruhig schlafen“ Ich weiß nicht so recht, was ich tun soll. Sie ist ja bei Couchsurfing, da sie neugierig auf fremde Kulturen ist und nicht weil sie sehen will, wie es aussieht, wenn diese Kultur in ihrem Bett schläft. Und ich denke, dass sie wohl ein wenig neugierig auf Deutschland ist und gerne mehr darüber erfahren möchte. Aber ich breche fast zusammen. Ich habe den gesamten Flug über kein Auge zu bekommen, bin seit Mittwoch, 4:30 Mitteleuropäischer Zeit wach, der Flug dauerte über elf Stunden und hier ist es gerade Donnerstag morgen. Ich lege mich schlafen: „Okay also ein bis zwei Stunden brauche ich wohl, Eri.“

Ich wache nach nach fast fünf Stunden Schlaf auf. Eri hat mich freundlicherweise nicht geweckt. Aber natürlich plagt mich jetzt ein schlechtes Gewissen. Denn ich muss nun meine Sachen packen um zu Anna zu fahren – meine Gastgeberin von heute, Donnerstag bis Sonntag. Als ob ich nicht schon bepackt genug wäre, drückt mir Eri noch eine Tüte mit japanischen Süßigkeiten in die Hand. Hey Eri, normalerweise bringt der Gast Geschenke! :) Danke!

Bepackter Backpacker

Bepackter Backpacker

Anna holt mich am S-Bahnhof Chiba ab. Sie begrüßt mich mit „Sugoi!“ was soviel wie großartig, Wahnsinn und im übertragenen Sinne auch unglaublich heißt. Es liegt nicht daran, dass sie es mir vielleicht nicht zugetraut hätte hier her zu finden, ihr Staunen gilt eher meiner Art zu Reisen.

Mein kleiner 35 Liter Rucksack vorne und mein 80 Liter Rucksack auf meinem Rücken. Warum reise ich mit zwei Rucksäcken nach Japan? Ich möchte schließlich für ein Jahr bleiben und zur guten Unterhaltung und zum bloggen gehört nun mal ein Laptop. Meine Japanisch Lehrbücher habe ich auch mal vorsichtshalber mitgenommen. Und damit ich auch wackelfreie Bewegbilder präsentieren kann, darf mein Stativ nicht fehlen. Und das allein wiegt nun mal schon sieben Kilo.

 

Erste Eindrücke

In Deutschland empfindet man über die Straßen gespannte Stromleitungen in der Stadt oder in Wohngebieten in der Regel als hässlich und verlegt sie unterirdisch. Japaner haben mit sichtbaren Stromleitungen weniger ein Problem.

Kabelsalat

Kabelsalat

Es ist selten möglich Gebäude zu fotografieren ohne Kabelsalat im Bild zu haben. Schade eigentlich. Japan böte so deutlich schönere Motive. Aber es gibt auch etwas, das mich positiv stimmt. Soweit ich das bisher beurteilen kann ist Japan deutlich behindertenfreundlicher als Deutschland. Die Furchen und „Rippen“, die in deutschen Bahnhofsböden Blinden den Weg weisen, enden hier nicht am Bahnhofsausgang, sondern werden auf fast jedem Gehsteig weitergeführt. Durch die gesamte Stadt!

Blindenstreifen

Blindenstreifen Foto von Joki Zatko

Und natürlich sind die Bürgersteige auch für Rollstuhlfahrer angepasst. An jeder Kreuzung und jedem Eingang abgesenkt. Doch damit nicht genug. Die Treppengeländer im Bahnhof haben jeweils am Geländeranfang und -ende auf dem Geländer selbst in Blindenschrift eingraviert, zu welchem Gleis die Treppe führt und welche Linen von dort aus fahren. Etwas, woran sich Deutschland mal ein Beispiel nehmen könnte.

Blindenschrift

Blindenschrift

Selbst die Fahrkartenpreise sind auf einer Tafel für in Blindenschrift gelistet. Ich bin beeindruckt. In Deutschland steigt ja schon ein gesunder Mensch bei den Fahrkartenautomaten nicht mehr durch. Ich frage mich, wie Blinde bei uns in Deutschland eigentlich am Automaten ihre Karten kaufen. In Japan ist das kein Problem! Und sogar in Supermärkten haben viele Produkte eine Beschreibung für Blinde.

 

Anna ist Grundschullehrerin, 24 und äußerst sportlich. Sie beherbergt mich obwohl sie morgen arbeitet. Und hier lerne ich gleich eine weitere Besonderheit Japans kennen. Da es schon verhältnismäßig spät ist und wir beide früh schlafen gehen wollen, kochen wir nichts zum Abendessen, sondern holen uns je ein Bento – eines der Fertiggerichte, die man hier in jedem Supermarkt bekommt. Das besondere daran ist, das die Qualität der Gerichte wirklich annehmbar ist und die Gerichte im Supermarkt erwärmt werden, wenn man es wünscht. Plastikbesteck oder Stäbchen inklusive! Essen ist in Japan im Allgemeinen verhältnismäßig günstig. Für 300 Yen (2.60 Euro 3,15 CHF)  bekomme ich ein riesen Rindfleischgericht, mit Reis und Gemüse.

Ich verlasse zusammen mit Anna am nächsten Morgen die Wohnung, schlendere durch Chibas Park, entdecke eine Schildkröte die zu einem Buddhatempel pilgert und erkunde Chibas Straßen und die Einkaufsmeile.

Park in Chiba

Park in Chiba

Noch nicht mutiert

Noch nicht mutiert

 

 

 

 

 

 

Buddhatempel

Buddhatempel

 

 

 

 

 

 

 

Auffällig sind die vielen Verkaufsautomaten, die wirklich überall stehen. In Deutschland findet man ungefähr dreimal so viele Zigarettenautomaten wie Briefkästen. Hier findet man sieben mal so viele Getränke- und Speiseautomaten wie in Deutschland Zigarettenautomaten.

Automaten

Automaten

Ich habe meinen Laptop dabei und suche einen Wirelessinternetzugang. Für gewöhnlich bieten Fastfoodketten das immer an. Erstaunlicherweise ist das hier – oder zumindest in Chiba – nicht der Fall. Das gibt’s doch nicht, ich bin in Japan, einem Land der Technikfreaks :) und es gibt hier tatsächlich mehrere Fastfoodrestaurants, die ohne wireless auskommen? Ich bin enttäuscht und auch leicht verärgert, da mein Laptop nicht der leichteste ist und ich ihn den gesamten Tag praktisch umsonst rumschleppe. Das hätte ich von Japan nicht erwartet.

 

Auf meiner Entdeckungstour erspähe ich einen typisch japanischen Friedhof. Auch im Buddhismus nutzt man Grabsteine. Sie sehen allerdings etwas anders als unsere aus.

Friedhof in Chiba

Friedhof in Chiba

Restaurant Baden Baden

Restaurant Baden Baden

Gegen Abend macht mich der Name eines Restaurants neugierig: Baden Baden. Zwischen den Fenstern prangt eine Deutschlandflagge. Ich trete ein und frage: „Sumimasen Anatawa Doitsu Jin des ka?“ Entschuldigen sie, sind sie Deutsch? Der Besitzer ist Japaner, hat aber einige Jahre in Baden Baden gelebt und spricht Deutsch. Ich erzähle ihm meine Geschichte, auch dass ich mal einige Zeit in der Nähe von Baden Baden, in Karlsruhe, gelebt habe. Und natürlich lass ich ihn wissen, dass ich schon den gesamten Tag verzweifelt auf der Suche nach einem Hotspot bin. Auch sein Restaurant hat kein WLAN aber er bieten mir an meinen Laptop an seinen Router anzuschließen. Während ich meine Mails checke und beantworte stellt er plötzlich ein Gericht neben meinen Laptop: „Hier, Du bist eingeladen!“ „Sugoi! Domou arigatou gosaimasu!“, bedanke ich mich sehr höflich. Es ist ein leckeres Fischgericht – frittiert samt anderer Sachen, die ich noch nie zuvor gesehen habe und auch nicht nicht so recht zuordnen kann. Egal, es schmeckt köstlich. Der Besitzer ist sehr stolz seinen hausgemachten Senf. Senfkörner seien in Japan im Allgemein sehr rar und schwer zu bekommen.

 

Auch am nächsten Tag verläuft meine Suche nach einem Hotspot nicht sonderlich erfolgreich. Selbst eine aus Seattle stammende Caffee-cafe-kette bietet zwar einen Hotspotzugang, einmal verbunden lautet die erste Nachricht auf dem Bildschirm aber: Coming soon!

Mal wieder frustriert setze ich mich auf den Hauptplatz in Chiba. Hier findet heute eine Veranstaltung gegen sexuelle Diskriminierung statt. Ich entdecke eine Aktivistin mit einem Stoffbeutel der deutschen Supermarktkette Kaiser’s: „Entschuldigung, kennst Du hier einen Ort mit Wirelesszugang.“

„Sehe ich so Deutsch aus? Ach so, mein Stoffbeutel. Nein, aber ein Freund von uns hier hat einen mobilen Router. Warte ich frage ihn mal, ob Du ihn ausleihen kannst. Ja, hier kannst ihn nutzen.

So oder über ihr Mobiltelefon gehen die Leute hier allgemein unterwegs ins Internet. Das ist der Grund, weshalb außerhalb der Business- und Tourismussballungsgebiete fast keine Restaurants wireless anbieten“ klärt sie mich auf.

„Aha, also zum mailen und zum chatten reicht’s ja. Aber ich würde gerne die Nachrichten der letzten drei Tage sehen wollen. Dafür ist die Bandbreite einfach alles andere als ausreichend!“

„Tja dafür haben alle Handys hier mobile TV-Empfänger.“

„Hm… Ich würde mich damit nicht zu Frieden geben. Da muss ich mich ja nach dem Programm richten.“

Egal. Viel wichtiger ist es weitere Gastgeber für die nächste Woche zu finden. Solange ich hier noch keinen Job habe, muss ich sparsam sein. Ich weiß, dass dies nicht die Philosophie hinter Couchsufing ist und ich werde all das der Couchsurfingcommunity zurückgeben, sobald ich ein Zimmer in Tokyo habe.

Ich hätte sogar einen Job in Japan gehabt und hätte mich nicht mal um Unterkunft kümmern müssen, da diese mit dem Job gekommen wäre. Es wäre eine Stelle in einem Onsen Hotel gewesen. In den Bergen 80 km westlich von Tokyo. Aber seit Fukushima verzeichnet der Hotelier einen starken Tourismuseinbruch und fährt halbe Belegschaft. Folglich kann er mich nicht einstellen. Meinen Flug habe ich deshalb dennoch nicht storniert. Aber ich muss mich eben hier in Japan um einen Job kümmern…

Einen weiteren besonderen Eindruck hinterlassen die Kanaldeckel bei mir. Mit schönen, verschieden, bunten Motiven zum sammeln!

Kanaldeckel Chiba

Kanaldeckel Chiba

Auch erwähnenswert, wie die Japaner hierzulande mit Baustellen umgehen. Ich passiere eine kleine Straßenbaustelle und werde freundlichst von fünf (!!!) Japanern an jedem Punkt mit einem Richtungswechsel mit maximal 20° in die neue Richtung geleitet. Ich finds ja nett, aber ein Umleitungschild (vielleicht in Englisch) würde mir wirklich reichen. Aber … Danke!

Auch Japaner wollen Spaß haben

Im Allgemeinen schlafe ich trotz der hier für Gäste üblichen, dünnen Futon Matratze sehr gut. Gut, zugegebenermaßen habe ich die Matratze auch mit meiner mitgebrachten Isomatte kombiniert. Was die Temperatur anbelangt, so ist das Klima sehr angenehm, etwas wärmer als in Deutschland, eher vergleichbar mit Roms Klima. Ich hatte mir Chiba deutlich heißer und schwüler vorgestellt. Die Luftfeuchtigkeit ist hier zwar etwas höher, aber nicht auffallend hoch. Dennoch, morgens bedeckt ein leichter Film von Feuchtigkeit die Haut. Es ist Sonntagmorgen, mein letzter Tag bei Anna. Heute ist erst mal Ausschlafen angesagt. Doch so richtig wird daraus nichts. Ein Paar vom Nachbarzimmer scheint diesen sonnigen morgen wohl auf ganz besondere Art und Weise zu genießen. In einem gleichmäßigen Rhythmus höre ich vom Nachbarzimmer ein Bett gegen die Wand rumpeln. „Die müssen es aber ganz schön wild treiben!“ Denke ich mir. Sie könnten ja wenigstens das Bett ein wenig entfernt von der Wand aufstellen. Naja. Bei so was stört man schließlich nicht und klopft nicht zurück. Jetzt wird das Rumpeln allerdings lauter und ich denke mir: „Hey, lasst’s mal langsam angehen, okay?“ Von wegen, es wird noch stärker. „Hey, das überträgt sich ja fast schon schon auf unser Zimmer. Moment mal, es überträgt sich wirklich auf unser Zimmer! Jetzt höre ich es auch in unserer Wohnung rumpeln. Gegenstände in der Küche fangen an zu wackeln und erst jetzt wird mir klar: „Oh Mann, Simon! Du bist hier in Japan, einem erdbebengefährdeten Gebiet. Allerdings wusste ich bis heute nicht woher die Erdbeben kommen. Anna bleibt gelassen im Bett liegen. Und solange sie das tut, sehe ich keinen Grund in Panik zu verfallen. Das Beben ist schnell vorüber. Ich ziehe die Decke über meine Brust und schlafe mit einem Grinsen auf dem Gesicht wieder ein. Das war also mein erstes Erdbeben. Und anstatt mich in Panik zu versetzten – so wie ich mir mein erstes Erdbeben vorgestellt hätte – hat es mich zum Lachen gebracht.

 

Bevor ich zu meinem nächsten Couchsurfing Gastgeber oder besser geschrieben Gastgeberpaar umziehe, nimmt mich Anna noch zu einem Kletterausflug nach Tokyo mit. Tokyo? Skyscraper climbing? Nein, ganz so spektakulär ist es dann doch nicht. Eine gewöhnliche Kletterhalle muss herhalten. Anna stellt mich ihren Freunden vor. Zwei Japanische Mädchen, ein Japaner und ein Australier, der hier ebenfalls Work and travel macht. Er hat bereits eine Stelle als Englischlehrer.

Meine Gastgeberin Anna (links) und ihre Freunde

Meine Gastgeberin Anna (links) und ihre Freunde

Bisher war ich immer noch nicht in Tokyos Zentrum. Damit habe ich es aber auch nicht so eilig. Schließlich plane ich ja für einen längeren Zeitraum hier zu bleiben. Aber schon die Tunnelsysteme der U-bahnen sind erst mal Faszination genug für mich. Erstaunlich, all das hier ist erdbebensicher konstruiert. Das muss eine architektonisch und statische Meisterleistung sein. Ich frage mich wie viel Physik und Mathematik in den Bau eines solchen Systems einfließen. Ich versuche Schäden oder Risse an den Wänden aufzuspüren, irgendwas das auf das große Beben vom März zurückzuführen wäre… Vergebens! Nichts, nicht die kleinste Spur eines Bebens ist erkennbar. Alle Säulen stehen kerzengerade, die Wände sind nicht deformiert und selbst gesprungene Fliesen suche ich vergebens. Allerdings zeigen sich die Spuren des Bebens bei einigen Rolltreppen. Anna sagte mir, dass einige seit dem Beben nicht mehr funktionieren.

Ikebukuro Metro Bahnhof

Ikebukuro Metro Bahnhof

Gegen Abend komme ich zu meinen nächsten Gastgebern. Ein amerikanisch-australisches Paar. Beide arbeiten an der Universität. Jim ist Englischdozent. Sie leben bereits seit einigen Jahren in Shibuya und haben sich hier ein Haus gekauft. Jim sagt mir: „Die Zinsen in Japan sind verhältnismäßig gering und so haben wir uns entschlossen ein Haus zu kaufen. Es ist tatsächlich billiger als sich hier ein Haus zu mieten. Im Vergleich zum westlichen Standard ist das Haus zwar klein, mir gefällt es aber. Es hat eine Grundfläche von gerade mal 20 mal 20 m und nur drei Stockwerke.

House in the Shibuya Sun

House in the Shibuya Sun

Das Gästezimmer befindet sich im Erdgeschoss. Da der Garagenstellplatz, der Flur im Eingangsbereich und die Treppe zum ersten Stock „etwas“ Platz von der Grundfläche verbrauchen fällt mein Zimmer mit schätzungsweise 8 m² recht klein aus. Den geräumigsten Bereich findet man im ersten Stock (welcher in Japan übrigens schon der zweite ist, da hier das Erdgeschoss der erste Stock ist). Eine Wohnküche samt Wohnzimmer in einem. Das Haus ist sehr modern ausgestattet. Ganz oben findet man Das Badezimmer, welches als riesige Duschkabine konstruiert ist, die zusätzlich eine Badewanne hat. Ein separates WC und natürlich Jim und Heaths Schlafzimmer dürfen nicht fehlen.

 

Jim und Heath sind sehr hilfsbereit: „Um einen Job annehmen zu können brauchst Du die Alienregistrationcard und ein Bankkonto. Für beides brauchst Du aber eine feste Adresse hier in Japan.

„Oh, ich habe aber noch keine Bude hier. Und ehrlich gesagt auch nicht all zu viel Geld. Um es auf den Punkt zu bringen kann ich mir eine Monatsmiete wohl nicht leisten. Von der Kaution ganz zu schweigen. Ich bin leider darauf angewiesen für die Vorstellungsgesprächszeit von einem Cochsurfer zum anderen zu ziehen. Sobald ich einen Job in Aussicht habe, wollte ich mir dort in der Nähe etwas suchen!“

 

Und so finde ich mich in einer Hauptmann-von-Köpenik-Situation hier in Japan. Ich brauche eine Arbeitsstelle um meinen Unterhalt und somit meine Miete hier finanzieren zu können, aber ich werde keine Stelle bekommen solange ich nicht die Alienregistration card habe, die man wiederum nur bekommt, wenn man eine Adresse in Japan nachweisen kann. Super! Okay, um ehrlich zu sein…

Wenn man sich bei der Japanischen Botschaft in Deutschland um ein Work and Travel Visum bewirbt, muss man nachweisen, dass man ein Hin- und Rückflugticket besitzt – hab’ ich – , eine Auslandskrankenversicherung – hab’ ich – , und dass man 2.000 € in bar besitzt. Nun ja, also zum Zeitpunkt der Bewerbung hatte ich die auch. Aber jetzt? … hm …

 

Ich bin bereits seit einigen Tagen in Japan und hatte das Glück noch nicht Geld wechseln zu müssen, da Christoph, ein Freund von mir, bereits in Deutschland etwas Yen wechseln konnte, da er schon mal in Japan gewesen ist und noch ein paar yen übrig hatte. Dies ist aber schnell für eine Telefonkarte, Essen und die öffentlichen Verkehrsmittel verbraten. Von meiner Vortragstour über meine Hamburg – Romradreise (www.prototypetour.de) ist noch etwas Geld übrig.

 

Als 08/15-Tourist ginge ich, wie wahrscheinlich jeder andere Mensch auch, zur nächstbesten Bank um mein Geld zu wechseln. Damit kommt man hier nicht weit! Glücklicherweise genieße ich mal wieder das Couchsurferprivileg und mir wird bereits bevor ich den Fehler begehen kann von meinen Gastgebern gesagt, dass die Post hier die beste Anlaufstelle zum Geldwechseln ist, nicht die Banken. Also begebe ich mich auf den weiten Weg zur Post. Dort angekommen werde ich von vier (!!!) Japanern abermals äußerst freundlich begrüßt und von allen gefragt womit man mir helfen könne. Nach meiner Antwort begeleitet mich einer aus dem Quartett zur langen aber wenigstens richtigen Warteschlange.

Nach zehn Minuten komme ich endlich dran und in einer kurzen Unterhaltung mit der Postbediensteten bemerke ich, dass es aber auch etwas gibt, dass mir nicht gesagt wurde. Um hier Geld wechseln zu können, muss man seine Adresse in Japan angeben.

Ich frage mich, was das wieder soll? Ein cleverer Trick der Post um an für werbeinteressierte Unternehmen verkäufliche Adressen zu kommen? Oder eine dieser sinnlosen Terrorismus „Sicherheitsmaßnahmen“ von denen sich Japan zum Glück nicht ganz so zum Affen macht wie die U.S.A. Denn natürlich gebe ich beim Reisegrund in die U.S.A. an, dass der Zweck meiner Reise ein Anschlag ist, ich acht Semester lang in Afghanistan an der Osama bin Laden Universität studiert habe und endlich meinen Master in Terrorismus, Nebenfach Chemie habe. Wahrscheinlich hat Osama bin Laden letztens beim Geldwechseln den Fehler gemacht, seine Adresse anzugeben und als Beruf Vorstandsvorsitzender von Al Kaida hingeschrieben. Und ich bin fest davon überzeugt, nur so konnten die U.S.A. Osama ausfindig machen. Man weiß ja nie. Manche werden halt einfach irgendwann mal senil. Und das wird wohl der Grund sein, warum die U. S. A. auch so lange gebraucht haben, Osama zu finden. Natürlich habe ich die Adresse meiner Gastgeber weder dabei noch im Kopf. Manchmal macht mich die Bürokratie dieses Landes schon verrückt. Nach dem Wechseln habe ich etwas mehr als – ich nenne sie einfach mal – drei große Scheine. Und der große Schein, den ich von Christoph hatte, ist fast aufgebraucht.

 

Es ist Dienstag und ich ziehe mal wieder um. Mit dem Metronetz für Tokyo und deren Nachbarpräfekturen kann ich mich immer noch nicht so recht anfreunden. Die meisten Pläne sind nur in Kanjischriftzeichen geschrieben. Zusätzlich gibt es hier mehrere Zuggesellschaften, die jeweils nur ihre eigenen Netzpläne drucken. Will man von A nach B, muss man sich peinlich genau die Umstiegsbahnhöfe für die verschiedenen Bahngesellschaften herauspicken und ab da den dazugehörigen Netzplan verwenden. Eine Sisyphus Arbeit. Natürlich gehe ich dabei komplett verloren.

Metronetzplan. Nur eine von vielen

Metronetzplan. Nur eine von vielen

Ich muss wohl ziemlich verzweifelt aussehen, wie ich jedes mal ich auf meinen Netzplan starre. Schon mehrmals wurde ich – und zwar nicht nur heute – von Japanern angesprochen, ob sie mir helfen können. Ich bin überrascht. Denn mir wurde gesagt, dass praktisch alle Japaner sehr scheu seien und Ihr Englisch fast nicht existent wäre. Somit habe ich überhaupt nicht damit gerechnet, überhaupt angesprochen zu werden, um Hilfe angeboten zu bekommen. Gut, vielleicht sind Tokyo und deren relativ international geprägte Nachbarpräfekturen nicht gerade repräsentativ für ganz Japan. Hier jedenfalls waren die Helfer Leute jeden Alters und Geschlechts. Die Adressfindung meines neuen Gastgebers toppt allerdings alles! Dieses mal begegne ich einem Japaner, der mich, nachdem ich ihn gefragt habe, freundlich darauf hinweist, dass ich im falschen Zug bin, er aber fast in die gleiche Richtung müsse. Ich frage mich wie das zusammenpasst, wenn ich doch im falschen Zug bin. Naja, vielleicht bin ich nicht ganz so fern ab vom Schuss. Er bietet mir an mich zu begleiten um mich etwas zu führen. Natürlich nehme ich dankend an. Er stellt sich vor und erzählt mir, dass er in der Mobilfunkbranche bei einem Subunternehmen arbeitet. Da er mich so genau wie möglich lotsen möchte, fragt er mich nach der exakten Adresse, um danach auf seinem Navigationsprogramm auf seinem Handy zu suchen. Am Zielbahnhof angekommen, sind es noch mindestens 15 Minuten Fußweg. Auch hier führe ihn sein Heimweg fast in die gleiche Richtung. Nach recht kurzem Marsch holt er aber dann doch sein Handy wieder heraus. Hm… also ich bezweifle ja, dass er um seinen Heimweg zu finden das Navi braucht also ist natürlich klar, dass es sich mal wieder um einen überhöflichen Japaner handelt, der sich mir scheinbar irgendwie  verpflichtet fühlt mich sicher heim zu bringen. Tatsächlich gehen wir die letzten zehn Minuten nur nach Navi. Da er sieht, dass ich total verschwitzt bin, lädt er mir am nächsten Getränkeautomaten auf eine Cola ein. Ich bin überwältigt und frage mich, warum so viele Menschen hier während der Woche, nach einem wahrscheinlich sehr erschöpfenden Arbeitstag fast alles tun, um einen vollkommen Fremden zu helfen.

 

In den folgenden drei Tagen hause ich in der Präfektur Saitama bei einem Amerikaner, der mir seine Wohnung komplett überlässt, da er momentan bei seiner japanischen Freundin wohnt. Er ist Englischlehrer. In den drei Tagen in denen ich von ihm beherbergt werde, sehen wir uns nur ein einziges mal, als er mich ins Restaurant einlädt. Ich nutze die Zeit und konzentriere mich auf das Bewerbungenverschicken. Vielleicht gibt es ja eine Möglichkeit Arbeit zu finden ohne eine feste Adresse in Japan zu haben, die ich noch nicht herausgefunden habe…

Besonderen Dank an: Hubertus Neidhart vom Deutschen Webspace Provider Network für den guten Service, Restaurant Baden Baden, Joki Zatko für das Beisteuern eines Fotos, Ann-Jessica Diehl für das Melden eines Fehlerteufels und an all meine Gastgeber.

Posted in Uncategorized | Tagged , , , , , , , , , , | 5 Comments